Künstliche Intelligenz macht mich arbeitslos?
Ich bin ein kreativer Geist – seit mehr als 25 Jahren arbeite ich mit und im Web: Zu meinem Arbeitsalltag gehören Dinge wie digitale Kommunikationskonzepte, Gestaltung und Content-Strategie genauso wie Frontend- und Backend-Entwicklung, CMS-Integration und Barrierefreiheit. Diese Vielfalt macht mir Freude – und mit viel Empathie verbinde ich dabei Menschen, Ideen und Technik.
In den letzten Monaten habe ich mit allen möglichen KI-Tools herumexperimentiert – mit Bildgeneratoren, Codegeneratoren und reinen Sprachmodellen. All diese Tools haben einen Einfluss auf meine Arbeit. Und irgendwann hat mich die Angst gepackt: Würde die KI mich ersetzen können?
Gerade wenn es um Programmierung geht war ich zu Beginn von den Möglichkeiten begeistert, funktionierende Code Snippet waren das Ergebnis meiner Prompts. Auch um komplexe reguläre Ausdrücke muss ich mich nicht mehr kümmern.( Ist egal was das ist , es ist jedenfalls etwas, was manches Hirn zum rauchen bringt)
Bald war ich mir sicher: Nicht mehr lange, und ich würde überflüssig sein.
Das Einschlafen wurde zunehmend schwieriger, die Nächte kürzer. In langen Telefongesprächen habe ich so manchen Kollegen nervös gemacht, ich sah mich schon arbeitslos – keine besonders schöne Aussicht.
Je mehr ich mich mit KI beschäftigt habe, desto mehr habe ich erkannt, dass nicht so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird.
Sprache ist für fast alle Menschen der Kommunikationsweg. Ganz egal , ob geschrieben oder gesprochen, genau deshalb stehen hinter KI Sprachmodelle. Sprachmodelle sind mathematische Systeme, die Sprache interpretieren, analysieren und erzeugen. Sie verstehen Sprache nicht, sondern erkennen Muster und operieren mit Wahrscheinlichkeiten. Bekannte Inhalte werden rekombiniert, so entsteht scheinbar etwas Neues.
Das Netz wird derzeit mit all diesen scheinbar neuen Inhalten geradezu geflutet. Auf LinkedIn stößt man deutlich häufiger auf Beiträge, die mit KI erstellt wurden. KI generierte Post erkennt man schnell. Meist braucht man den Text gar nicht lesen, schon die verwendeten Icons lassen den Ursprung sofort erkennen.
Künstliche Intelligenz unterstützt auch mich in meiner Arbeit.
In der Schule ist die Kommasetzung an mir vorbeigegangen, heute ist dieses Defizit - dank KI - kein Thema mehr. Ich kämpfe für meine Überzeugung, aber manchmal übersehe ich in meiner Argumentation bestimmte Aspekte, hier weist KI mich darauf hin. Sie unterstützt mich bei der Suche nach passenden Headlines, liefert Code-Snippets oder hilft mir dabei, ein Grundgerüst für eine CMS-Erweiterung zu erstellen. Das ist alles verdammt praktisch und spart Zeit.
Programmieren ist etwas sehr technisches. KI kann Muster und Strukturen erkennen und neuen Code durch Rekombination bekannter Codebausteine erzeugen. Das ist aber auch problematisch, denn KI erzeugt Code basierend auf Statistik, nicht auf Logik. Sie neigt dazu, bekannte Muster zu reproduzieren und auch an anderen Stellen anzuwenden.
Beispiel 1: KI reproduziert auch falsche Dinge
Wenn ich ChatGPT nach einer barrierefreien Navigation frage, erhalte ich häufig folgenden Codeausschnitt:
<nav id="mainNav" role="navigation" aria-label="Hauptnavigation">
Das HTML-Element <nav> besitzt jedoch bereits implizit die ARIA-Rolle „navigation". Ein zusätzliches role="navigation"-Attribut ist daher überflüssig. Unterstützende Technologien erkennen automatisch, dass es sich um einen Navigationsbereich handelt – ganz ohne das explizite Rollenattribut.Es ist nicht überraschend, dass man solche oder ähnliche Fehler heute häufig im Internet findet. Die fachlichen Grundlagen fehlen, es wird einfach falsch abgeschrieben.
Beispiel 2: KI ist vergesslich
Neulich habe ich mit Hilfe einer KI in meiner Entwicklungsumgebung eine Joomla! (CMS) - Erweiterung programmiert. Ich war fast fertig und wollte eine kleine Änderung vornehmen, als plötzlich nichts mehr ging. So ein Mist.
Nur weil die KI kurz vor dem Ziel beschlossen hatte, die Namen meiner Variablen mitten im Prozess teilweise zu ändern. Diese Änderung war ein Nebeneffekt des „Ratenprozesses": Sie hat den ursprünglichen Namen der Variablen einfach vergessen (nicht gespeichert).
Um hier den Fehler zu finden,braucht es menschliche Kompetenz und ein tiefes Verständnis der Thematik, ich bin also doch nicht überflüssig.
Beispiel 3: Je nachdem teuer und langsam
Ich hatte es mir so schön vorgestellt: Routineaufgaben schnell erledigen, während ich mich um etwas Wichtiges kümmere.
Ziel war es veraltete Funktionen in meinen Joomla-Templates ersetzen. Dazu gehört insbesondere, das „J“-Präfix bei Klassennamen zu entfernen und use-Anweisungen zu nutzen, um Namespaces korrekt einzubinden.
Ich habe die KI darauf angesetzt, sich durch rund 24 Dateien zu wühlen. Sie schaffte jedoch nur eine Datei, schrieb die entsprechenden Tests und meldete dann: „Deine Credits sind alle“. Da ich nicht genau wusste, wie viele ich bereits verbraucht hatte, kaufte ich schnell 10 neue Credits für 20 Euro, um weitermachen zu können.
Ich startete erneut und beobachtete die Uhr: Meine eingesetzte KI benötigte etwa 3,5 Minuten pro Datei. Ich ließ sie weiterlaufen, doch nach einigen Dateien erschien erneut die Meldung: „Die Credits sind alle.“
Das hat mich angefixt:Jetzt hatte ich schon 20 Euro verbraten und bin gegen die KI angetreten. Ich brauchte pro Datei mit "Suchen und Ersetzen" rund 1 - 1,5 Min.
Ich war also deutlich schneller und dadurch deutlich billiger.
Das Analysieren von einzelnen Dateien ist für die KI recht aufwändig. Meist erfolgt die Abrechnung nicht pro Datei, sondern pro Anfrage oder pro Zeichenanzahl. Deshalb prüfe ich nun den Verbrauch pro Schritt, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden.
Im Moment ist der Umsatz so mancher KI -Unternehmen wohl noch bescheiden. Wir als Nutzer füttern die kostenfreien Tools mit unseren Daten, und sobald wir richtig von ihnen abhängig sind, werden die Preise vermutlich deutlich steigen. Menschen oder Unternehmen mit geringerem Einkommen werden dabei, wie schon immer, abgehängt.
KI-Nutzung ist eine Bildungsaufgabe.
Aber das, was mir wirklich Sorgen macht ist, die Gefahr, dass Menschen durch unkritische KI-Nutzung Kompetenzen in ihrem jeweiligen Fachbereich verlieren oder erst gar nicht entwickeln. Wer sich zu sehr auf die KI verlässt, läuft Gefahr, Wissen nur oberflächlich zu erwerben und die Fähigkeit zu verlieren, komplexe Zusammenhänge selbst zu durchdringen.
Unser Gehirn funktioniert wie ein Muskel, wenn es nicht trainiert wird, lässt seine Leistungsfähigkeit nach. Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung verkümmern.
Die Studie “Your Brain on ChatGpt” von Juni 2025 konnte deutlich reduzierte neuronale Vernetzung im Gehirn( EEG) und eine reduziertes Erinnerungsvermögen der ChatGPT - Nutzer feststellen. (Studie Your Brain on ChatGPT,MIT 2025 )
Das könnte in Zukunft sowohl gesellschaftliche, wirtschaftliche als auch gesundheitliche Auswirkungen haben, deren Konsequenzen wir im Moment wohl noch nicht absehen können.
Der aktuelle Hype um Künstliche Intelligenz ist auch in deutschen Unternehmen spürbar. Viele Unternehmen haben unterschiedliche KIs in Ihren Arbeitsalltag integriert, allein um nicht als rückständig oder innovationsresistent zu gelten.
Dabei wird oft übersehen, dass der bloße Einsatz von KI kein Selbstzweck ist, es braucht eine Strategie und geschulte Anwender. KI kann Routineaufgaben automatisieren, Prozesse beschleunigen und neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnen.
Solange man keine eigene KI betreibt rate ich zur Vorsicht: Die meisten Tools verarbeiten die Eingaben der Nutzer, um Antworten zu generieren und speichern diese Daten um das Modell zu verbessern. Persönliche Daten, Passwörter oder vertrauliche Geschäftsinhalte sollten auf keinen Fall eingegeben werden, da sie theoretisch zur Analyse oder zum Training genutzt werden könnten.
In der Europäischen Union unterliegt die Nutzung solcher Dienste den strengen Vorgaben der DSGVO, die regelt, wie personenbezogene Daten verarbeitet werden dürfen. Zwar setzen Anbieter wie OpenAI Verschlüsselung und Sicherheitsprotokolle ein, um die Daten zu schützen,aber die Daten landen dennoch auf deren Server. Daher sollten sowohl Unternehmen als auch Privatpersonen bewusst abwägen, welche Informationen sie der KI anvertrauen, und im Unternehmenskontext interne Richtlinien für den sicheren und datenschutzkonformen Umgang mit KI-Tools entwickeln. Wenn ich mein privates Umfeld beobachte sehe ich, dass es noch sehr viel Aufklärungsbedarf braucht - in Unternehmen dürfte das nicht anders sein.
Entscheidend ist, das wir alle KI als Werkzeug verstehen sollten. Sie kann dazu dienen, unser Wissen zu erweitern, aber nicht es zu ersetzen. Wer aktiv hinterfragt, Fehler analysiert und sich selbst herausfordert, behält nicht nur seine Motivation,sondern lernt auch dazu. KI ist ein komplexes Thema, das Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Umwelt gleichermaßen betrifft. Wir sollten sie zu unserem Vorteil nutzen, ohne uns von großen Konzernen abhängig zu machen, und dabei darauf achten, unsere Umwelt nicht zu sehr durch den hohen Energieverbrauch zu belasten.